Der Touristenort Flåm hat nichts mehr mit dem abgelegenen Dorf am Fjord zu tun, in dem ich 1978 meinen 18. Geburtstag feierte. Flåm ist heute das Zentrum für eine Vielzahl an Aktivitäten und ist perfekt darauf eingerichtet, dass jährlich eine halbe Million Besucher hier Station machen. Die meisten kommen mit Kreuzfahrtschiffen und bleiben jeweils nur einen Tag, viele andere kommen aber wie wir mit dem Wohnmobil. Alles ist großzügig dimensioniert und hervorragend organisiert, was sich die Anbieter aber auch ausgesprochen gut bezahlen lassen. Wir bleiben in Flåm zwei Nächte vor allem deshalb, weil am Samstag kein Kreuzfahrtschiff geplant ist und wir damit rechnen, dass dann nur wenige Busse auf dem Weg zum berühmten Aussichtspunkt Stegastein unterwegs sein werden.
Die Rechnung geht auf. Mit nur wenigen anderen Wohnmobilen kommen wir ohne Schwierigkeiten durch die engen Serpentinen der Landschaftsroute Aurlandsfjellet und stehen bereits um 9:00 Uhr an der ausgesetzten Plattform des Stegastein, die 650 Meter über dem Aurlandsfjord schwebt. Die Route geht weiter über das phantastische Aurlandsfjell, wo immer noch viele Schneereste aus dem vergangenen Winter auf den Bergen und neben der Straße liegen, bevor wir über endlose Kehren wieder zurück auf Meereshöhe am Lærdalsfjord kommen.
Weil es noch ziemlich früh am Tag ist, beschließen wir, dass wir direkt weiter zum Anfang der Landschaftsroute Sognefjellet fahren, die wir ja schon zweimal wegen winterlicher Straßenverhältnisse abgebrochen haben.
Google Maps meint es gut mit uns und wählt eine Route, die anstatt über die Hauptstraße und eine Fährverbindung über die mautpflichtige Panoramastraße Tindevegen führt. Gleich hinter einem unscheinbaren Wohngebiet des Dorfes Ørve Årdal kleben sagenhafte fünfzehn Haarnadelkurven dermaßen eng an der Felswand, dass wir mit dem Vagabund schon ein wenig Mühe haben, uns dort hoch zu arbeiten. Die Strecke ist zwar für Fahrzeuge bis zehn Meter Länge zugelassen, doch selbst wir müssen an einer der Spitzkehren zurückstoßen und sind heilfroh, dass wir in diesem Abschnitt keinen Gegenverkehr haben. Wir kommen bald über die Baumgrenze in eine atemberaubende Berglandschaft, in der wir auf einer Höhe von 1220 Metern einen tollen Stellplatz für die Nacht finden. Bei strahlendem Sonnenschein folgen wir einem Wanderpfad entlang eines reißenden Bergbachs, der sich allerdings bald in der moosbewachsenen Ebene verliert. Wir genießen die tolle Aussicht und das Rauschen des Baches und erleben kurz vor Mitternacht einen farbenfrohen Sonnenuntergang über den schneebedeckten Gipfeln.
Am Sonntag legen wir die restlichen Kilometer des wunderschönen Tindevegen zurück, der bald in die Landschaftsroute Sognefjellet mündet. Diese Strecke präsentiert sich bei Sonnenschein mit vereinzelten Wolken als weiteres traumhaftes Highlight der norwegischen Natur. Ganz oben, auf etwa 1400 Metern Höhe können wir sogar einige ganz Sportliche beobachten, die den letzten Schnee des Jahres für eine Runde Langlauf nutzen. Ungefähr dreißig Kilometer vor Lom bleiben wir für die Nacht am großen Parkplatz eines geschlossenen Cafés, für das die Saison wohl noch nicht begonnen hat. Am Abend kommt der Besitzer und erklärt uns, dass wir hier nur dann übernachten dürfen, wenn wir Mitglied in einer norwegischen Campervereinigung sind. Er gibt uns Unterlagen, damit wir uns im Internet anmelden und den erforderlichen Jahresbeitrag von etwa 75 Euro bezahlen können. Das ist uns zu viel, da wir ja nicht wissen, ob wir zukünftig auf weiteren Plätzen dieser Gruppe stehen werden. So fahren wir noch schnell ein paar Kilometer weiter bis zu einem kleinen Parkplatz an der Straße, von dem wir sogar eine bessere Aussicht auf die Berge haben als zuvor.
Am Montag fahren wir über Lom nach Vinstra, wo wir uns umfassend versorgen können. Kurz darauf beginnt für uns die Landschaftsroute Rondane, die sich schnell auf mehr als tausend Meter hoch schwingt. In der endlosen, moosbewachsenen Hochebene finden wir einen ruhigen Platz für die Nacht, von dem aus wir ziellos durch die fast mystische Landschaft wandern. Dabei sehen wir außer ein paar Vögeln keine Tiere, keine Menschen und zum Glück auch keine Trolle oder Riesen.
Eigentlich sollte unsere Reise jetzt wieder nach Schweden zurückführen, doch hält uns ein Hinweis des Auswärtigen Amtes, dass dort aktuell häufig Wohnmobilisten überfallen und ausgeraubt werden, davon ab. Wir nehmen uns stattdessen die touristisch weniger erschlossenen Gegenden im östlichen Norwegen vor und sind sehr gespannt, was es dort für uns zu entdecken gibt.








































































































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